Die Odyssee zeigt nicht nur die Heimkehr eines Helden, sondern auch die patriarchalen Strukturen, die das Leben im antiken Griechenland prägten. Mir ist in diesem Zusammenhang jemand, oder vielleicht doch eher etwas, besonders ins Auge gestochen: Penelope.

Auf seiner Reise wird Odysseus die ewige Jugend und ein Leben ohne Leid offeriert. Alles, was er tun muss, ist bei Kalypso zu bleiben. Er schlägt das Angebot aus. Als Grund nennt er seine Frau, Penelope. Sie ist für ihn das wichtigste, ohne sie könne er nicht glücklich sein.
Wie romantisch, oder? Dann interessiert es Odysseus doch sicher auch, wie mit Penelope in ihrem eigenen Haus gesprochen wird:
«Geh also wieder an deinen Platz und kümmere dich um die Geschäfte der Frauen. Hier unten aber gilt das Wort des Mannes im Haus, und der bin ich.» (S.13)
Eine harsche Antwort auf die einfache Bitte Penelopes, eine andere Geschichte erzählt zu bekommen. So wichtig Penelope auch sein mag, sie wird hier von Telemach vollständig und öffentlich entmächtigt. Die Anwesenden müssen empört sein, dass er es wagt, so mit seiner eigenen Mutter zu sprechen. Doch genau hier unterscheidet sich unser heutiges Verständnis von Respekt gegenüber Frauen von dem des alten Griechenlands.
Penelope - auch wenn überrascht - gehorcht, und auch die Freier finden Telemachs Worte kaum bemerkenswert. Die Odyssee stellt also klar, dass es ganz normal ist, einer Frau zu sagen, wann sie nichts mehr zu melden hat.
Frauen wurden zwar gewertschätzt, jedoch vor allem als Besitz, nicht als selbstbestimmte Menschen.
Anschliessend wird beschrieben, was genau Penelope - stellvertretend für alle Frauen - tut, nachdem Telemach sie dazu aufforderte, den «Geschäften der Frauen» nachzugehen.
«Beklommenen Herzens stieg sie die Treppe zu ihrer Kammer empor. Wie sehr fehlte ihr doch der schützende Arm ihres geliebten Mannes. Weinend liess sie sich auf das Lager sinken, und umgeben von ihren Mädchen weinte sie…» (S.13)
Sie fühlt. Sie ist emotional. Und das Ganze Fünf Mal innerhalb von drei Sätzen. Jemand so Emotionales kann und sollte doch auf keinen Fall Entscheidungen treffen.
Vorhin habe ich noch behauptet, das Verständnis von Respekt gegenüber Frauen der alten Griechen sei klar von dem heutigen zu unterscheiden, doch dieses Bild der emotionalen Frau existiert noch heute.
Die Odyssee liefert uns also in nur einer Textstelle sowohl die Anleitung, wie man Frauen zu behandeln hat, wie auch die Rechtfertigung dafür.
Diese Passage dürfen wir natürlich nicht als Wahrheit übernehmen, stattdessen sollten wir sie als Beispiel einer Ordnung lesen, die wir dringend hinter uns lassen müssen.